Wie geht es den Beschäftigten in den Landeskrankenhäusern?

AK Umfrage „Zfrieda schaffa im Krankahus“ zeigt hohe Belastung, Pflegepflichten zuhause und steigenden Personalbedarf in Vorarlbergs Landeskrankenhäusern.

Zum vierten Mal seit 2014 hat die AK Vorarlberg mit der Umfrage „Zfrieda schaffa im Krankahus“ genau hingeschaut – und noch nie haben sich so viele Befragte beteiligt. „Erstmals haben wir auch private Pflege- und Betreuungspflichten erfragt. Die Belastungen sind hoch, jede:r achte Beschäftigte hat ein Burnout-Risiko“, sagt AK Präsident Bernhard Heinzle.

 

Im Februar 2026 sandte die AK mithilfe der Krankenhausbetriebsgesellschaft 4.067 Fragebögen aus. Die Rücklaufquote lag bei 41,2 Prozent, hinzu kamen über 440 teils sehr ausführliche persönliche Anmerkungen. „Das ist mehr als je zuvor und ein großer Erfolg – das untermauert die Wichtigkeit dieser Umfrage“, so Arbeitswissenschaftler Univ.-Prof. em. Dr. Heinrich Geissler. Die Ergebnisse zeigen den hohen Druck am Arbeitsplatz und spiegeln sowohl die Verunsicherung durch den Umbau der Spitalslandschaft als auch die hohe Einsatzfreude der Mitarbeitenden wider. „Wir haben zudem erstmals erfragt, wie viele Beschäftigte auch privat Betreuungs- und Pflegeaufgaben erfüllen müssen.“

Pflege- und Betreuungsaufgaben statt Erholung
27,1 Prozent der Belegschaft müssen zuhause Pflege- und/oder Betreuungsaufgaben stemmen. 38,1 Prozent der Betroffenen arbeiten in Teilzeit, 17,4 Prozent müssen diese Zusatzaufgaben neben der Vollzeitbeschäftigung bewältigen. „Überdurchschnittlich hoch“ ist Geissler zufolge „der Anteil der pflegenden oder betreuenden Angehörigen bei den Fachärzt:innen.“  47,9 Prozent aller Befragten wünschen sich eine andere Dienstplangestaltung, hauptsächlich wegen Betreuungspflichten.
Haben sich die Arbeitsbedingungen im Dienst der Patient:innen verbessert? Nur 13 Prozent der Befragten stimmen zu, 53,7 Prozent antwortet mit „wenig oder gar nicht“. Mehr als ein Drittel (33,3 Prozent) bleibt vage: „Teils teils.“

Wie arbeitsfähig sind die handelnden Personen?
Die Arbeitsbelastung ist hoch: 68,3 Prozent beklagen, dass sie zu viele Aufgaben gleichzeitig erledigen müssen, 61 Prozent leiden unter Zeitdruck, 55,6 Prozent werden in ihrer Tätigkeit immer wieder unterbrochen.
Wie wirkt sich das aus? 14 Prozent der Befragten fühlen sich mindestens einmal in der Woche emotional leer, sie arbeiten mit Burnout-Risiko. 37,2 Prozent fühlen sich einmal wöchentlich bis täglich am Ende des Arbeitstages verbraucht. „Darunter finden sich viele Fachärzt:innen, vor allem, wenn sie mehr als 20 Überstunden im Monat leisten“, unterstreicht Geissler. „19,1 Prozent der Befragten denken oft oder immer ans Aufhören.“ Beruf oder Alter spielen dabei keine Rolle.

Anerkennung im Arbeitsalltag bleibt aus
Zeitdruck und hohe Verantwortung sind das eine, fehlende Anerkennung das andere: Nur 43,6 Prozent haben den Eindruck, dass Ihre „Leistungen und Anstrengungen“ angemessen anerkannt werden. 56,4 Prozent erleben das kaum oder gar nicht. 60,7 Prozent der Befragten fühlen sich von ihren Vorgesetzten anerkannt, 39,1 Prozent vermissen das.

Personalbedarf durch Altersstruktur wächst
Welche Herausforderungen erwarten die Landeskrankenhäuser in Zukunft? Der Anteil der über 51-Jährigen wird von derzeit 28 Prozent auf 35,4 Prozent in fünf Jahren steigen, hat Geissler errechnet: „Die Landeskrankenhäuser werden in den nächsten fünf Jahren
200 neue Mitarbeiter:innen brauchen.“ Ab 2031 erhöht sich laut Geissler dieser Bedarf bis 2036 auf 600 neue Mitarbeiter:innen. „Und das ist eine optimistische Sicht, da wir mögliche Fluktuation und Pensionierungen vor dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter nicht eingerechnet haben.“

Berufsorientierung der Belegschaft
Dass 6,6 Prozent der befragten Teilzeitkräfte mehr arbeiten wollen, zeigt Potenzial auf.
80,8 Prozent halten ihren Arbeitsplatz zudem für sicher. 63,4 Prozent würden ihren Beruf wieder ergreifen, nur 12 Prozent können sich das gar nicht vorstellen. Wie gut lassen sich Privatleben und Beruf vereinbaren? Immerhin 53,1 Prozent sind zufrieden, nur 15,5 Prozent kommen damit gar nicht klar. 29,5 Prozent der Fachärzt:innen wollen bis zur Pensionierung an ihrem Landeskrankenhaus bleiben, 48,6 Prozent immerhin für die kommenden Jahre. 21,9 Prozent planen, das Spital zugunsten einer eigenen Praxis zu verlassen.

AK Präsident Heinzle:
AK Präsident Bernhard Heinzle hat diese vierte großangelegte Befragung in Auftrag gegeben, „weil uns die Mitarbeitenden der Spitäler am Herzen liegen: Sie leisten enorm viel.“ Genau hier setzen die Vorschläge der AK Vorarlberg an:
Anerkennung der Leistungen: Der anerkennende Erfahrungsaustausch wird bereits auf vielen Stationen erfolgreich gelebt. Dieses Projekt sollte auf die ganze Spitalslandschaft des Landes ausgerollt werden.
Pflege- und Betreuungspflichten erfassen: Die Frage nach privaten Pflegeaufgaben wurde erstmals in dieser Umfrage erhoben und hat ein Informationsdefizit offenbart. In Mitarbeitergesprächen sollte die Frage nach Pflegeverpflichtungen Standard sein – das hat unmittelbaren Einfluss u. a. auf die Erstellung der Dienstpläne und Nachtdienste.
Arbeitsunterbrechungen reduzieren: Sie kosten Nerven, Zeit und Geld. Das Landeskrankenhaus Bludenz hat das Telefon während der Visite bereits verbannt – das sollte auch in allen anderen Häusern möglich sein. Wer Unterbrechungen entgegenwirkt, strafft Arbeitsorganisation und Abläufe.
Demografie-robuste Personalpolitik: Ab dem 50. Lebensjahr sollte die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeitenden zumindest alle zwei Jahre in Arbeitsbewältigungsgespräche thematisiert werden. Das hilft, Langzeitkrankenstände zu verringern oder zu vermeiden.
Arbeitswünsche berücksichtigen: Wenn jede fünfzehnte Teilzeitkraft mehr arbeiten möchte, sollte sie das auch berücksichtigt werden. Damit könnte man einen Teil des Personalbedarfs abdecken.

Direktor Dr. Gerald Fleisch:
Die Ergebnisse dieser gemeinsamen Studie sind für uns sehr wertvoll. Gerade in einer Zeit großer Veränderungen im Gesundheitswesen ist es wichtig, die Erfahrungen und Bedürfnisse unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv einzuholen und ernst zu nehmen.
Die Landeskrankenhäuser übernehmen heute weit mehr als die medizinische Versorgung. Immer häufiger spiegeln sich auch gesamtgesellschaftliche Herausforderungen im Krankenhausalltag wider – beispielsweise, wenn Patientinnen und Patienten aufgrund fehlender Betreuungs- oder Pflegeangebote länger im Spital bleiben müssen.
Besonders wichtig sind für uns die Erkenntnisse zu den Betreuungs- und Pflegeverpflichtungen unserer Beschäftigten. Sie bestärken uns darin, lebensphasengerechte Arbeitsmodelle weiter auszubauen und noch stärker auf unterschiedliche Lebenssituationen einzugehen.
Die Studie zeigt zugleich, dass die bereits gesetzten Maßnahmen Wirkung zeigen und wir auf dem richtigen Weg sind – auch wenn es weiterhin Bereiche gibt, in denen wir nachschärfen müssen. Mit dem Spitalscampus Vorarlberg, der Bündelung von Fachkompetenz, setzen wir zudem ein wichtiges Zeichen, um dem Fachkräftemangel zu entgegnen.
Mein besonderer Dank gilt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ihr täglicher Einsatz, ihre Kompetenz und ihr Engagement sind die Grundlage für unsere hochwertige Gesundheitsversorgung. Gemeinsam werden wir die Herausforderungen der Zukunft bewältigen und die Landeskrankenhäuser als attraktive Arbeitgeber weiterentwickeln.

Zentralbetriebsrat Thomas Steurer:
Angesichts von Personalengpässen und hohem Zeitdruck kritisieren knapp zwei Drittel der Befragten veränderte Arbeitsanforderungen. So gaben 63,7 Prozent an, dass „wegen fehlender Plätze für Übergangspflege bzw. Reha der Arbeitsaufwand gestiegen“ sei.
63,2 Prozent stimmten zu, dass „die hohe Zahl von Sozialindikationen (medizinisch nicht notwendiger Aufenthalt) den Arbeitsaufwand erhöht“. Sozialindikationen machen etwa
7 Prozent der Aufenthalte aus und verursachen unnötige Kosten. „Bezüglich der Sozialindikationen und der fehlenden Übergangspflege besteht dringender Handlungsbedarf zur Entlastung des medizinischen Personals“, so Steurer.
Gleichzeitig wurden erstmals private Pflege- und Betreuungsaufgaben erhoben: 27,1 Prozent der Befragten sind betroffen, bei Teilzeitbeschäftigten sind es sogar 38,1 Prozent. „Aus meiner betriebsrätlichen Praxis weiß ich, dass die beiden Hauptprobleme die Öffnungszeiten der Kinderbetreuungseinrichtungen und die Schülerbetreuung im Sommer sind“, so Steurer. „Pointiert formuliert: Die betriebliche Kinderbetreuung muss um eine betriebliche Elternbetreuung ergänzt werden. So könnten möglicherweise die Teilzeitanteile der Pflegenden erhöht und damit Personalengpässe vermindert werden.“

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